Wissenschaftlicher Abend „Sprechen über das Unsagbare - Parameter des Sprachtabus“
Mittwoch, 3. Juli 2019, 20:00 - 22:00

Referent: Prof. Dr. Wolfgang Schulze (LMU München)

In jeder Gesellschaft gibt es Bereiche (Humana, Tiere, andere Objekte, Prozesse, Handlungen usw.), die mit einem kommunikativen Tabu (also spezielle Form des Handlungstabus) versehen sind. Dies hat zur Folge, dass entsprechende Lexeme/Konstruktionen gemieden werden, auch wenn sie bekannt sind (e.g. Teufel), um sie nicht zu beschreien. Um zugrunde liegende Konzepte dennoch kommunikativ zugänglich zu machen, werden in unterschiedlichster Form gewonnene Ersatzformen eingebracht (e.g. Kuckuck, Geier), die oft durch zusätzliche konnotative Aspekte markiert sind, oder es wird grundsätzlich vermieden, auf entsprechende Entitäten sprachlich zu referieren (e.g. wir haben es im Auto gemacht). Darüber hinaus können auch die Konstellationen in einer spezifischen kommunikativen Situation mit einem Tabu belegt sein, was dazu führen kann, dass eine andere (tabuistische) Sprache oder Varietät eingebracht werden muss (e.g. mother-in-law language). In den Kontext von Sprachgebrauchstabus sind schließlich auch Momente der 'korrekten Sprache' zu stellen, die bestimmte Lexeme/Konstruktionen einem Gebrauchstabu unterlegen, in der Hoffnung, dass hierdurch auch die damit verbundenen Konzepte 'gebannt’ werden.
Zugrunde liegen immer gesellschaftliche Tabus in der Sprachverwendung, die jedoch schichtenspezifisch sehr unterschiedlich geregelt sein kann. Die sich in tabuistischer Kommunikation ausdrückenden Verfahren der Verschleierung stellt diese in den Kontext sondersprachlicher Kommunikation, weshalb Sondersprachen an sich (etwa Rotwelsch oder Jenisch) hier ebenfalls zu betrachten sind (wie sich auch Analogien zu fachsprachlichen Verfahren ('Ärztelatein' etc.) ergeben). Die aktuellen Debatten um eine politisch korrekte Sprache verdeutlichen zudem, dass Sprachverwendungstabus auch Teil (sprach-) politischer Programme sein können, die (nicht immer kritisch genug) darauf vertrauen, dass mit der Eliminierung bestimmter sprachlicher Ausdrücke, d.h. mit der Unterlegung von Sprachgebrauchstabus auch die entsprechende Eliminierung der damit verbundenen Vorstellungswelten einher geht.
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Tabu-Linguistik, eine klassische Domäne der 'Cultural Linguistics'. Es geht also einerseits um die Frage, welche Personen, Objekte und Prozesse oder welche ihrer Eigenschaften in der Welt einer Sprachgemeinschaft in der Form mit einem Tabu belegt sind, so dass hierüber nicht sprachlich kommuniziert werden darf. Dies kann darüber hinaus ebenso emotive Zustände und Gefühlswerten der Individuen einer Gesellschaft und damit verbundene Handlungsformen betreffen (besonders markant hier der Bereich Sexualität). Hier kommt ethnologischen, kulturhistorischen ebenso wie sozialpsychologischen Aspekten eine wichtige Bedeutung zur Erklärung entsprechender Phänomene zu.
In dem Vortrag sollen Strategien der Verschleierung bzw. des Sprechens über das ‚'Unsagbare' aus sprachsystematischer und kognitiver Sicht herausgearbeitet werden, ebenso wie die soziokulturellen und ethnologischen Grundlagen des Sprachtabus angesprochen werden sollen.

Beginn s.t.